Stimmen
Seemannstreue
FAZ, 17.08.2008
"(...) die stets zu den Höhepunkten des Programms zählen. Und deren mitunter reichlich abgedrehtem oder gar morbidem Charme man sich beim besten Willen nicht entziehen kann. Denn darauf etwa, Joachim Ringelnatz' leicht dadaistisch angehauchte Zeilen in bewegte Bilder umzusetzen, muss man erst mal kommen. Ein ums andere Mal gräbt da der treue Seemann seine verblichene Geliebte aus. Und wieder ein. Und wieder aus. Und mit jeder neuen Exhumierung sieht sie, nun ja, nicht eben besser aus. Schauerlich, möchte man meinen, und so schön, dass man den Film der 1974 in München geborenen Regisseurin am liebsten gleich noch einmal sähe. Anna Kalus' auf 35 Millimeter gedrehte Hommage an "Kuddel Daddeldu" und des Dichters "Seemannstreue" ist ein so hinreißend gezeichnetes Märchen, dass man den in diesem Jahr entstandenen Film kaum zum letzten Mal auf einem Festival gesehen haben dürfte."
Bernhard Seiter für sixpackfilm
"Die Wirkung des Schönen auf irgendjemanden
besteht gerade darin,
dass es ihn stumm macht. (Paul
Valéry)
Anna Kalus Seemannstreue
macht den Betrachter stumm; der
Animationsfilm selbst ist ohne
Worte und leise, allerdings basiert
er auf Worten, entwickelt seine
Form und sein Thema frei nach dem
makabren, zärtlich nekrophilen Gedicht
Seemannstreue von Joachim
Ringelnatz, in dem das dichtende
Ich davon fabuliert, seine verstorbene
Braut Alwine einmal in der
Erde einzugraben, dann wieder
auszugraben, undsofort.
"... Bis sie schließlich an den
weichen Teilen
Schon ganz anders und ganz flüssig
war.
Aus. Ein. Aus;
so grub ich viele
Wochen.
Doch es hat zuletzt zu schlecht
gerochen.
Und die Nase wurde blauer Saft,
Wo drin lange Fadenwürmer
krochen.
Nichts für ungut:
Das war ekelhaft.
Und zuletzt sind mir die schlüpfrigen
Knochen
Ausgeglitten und in lauter Stücke
zerbrochen."
Anheimelnd unheimlich ist Anna
Kalus Film: schöntraurige Farben,
nein, keine Farben, sondern Erinnerungen
an Farben; Naturgeräusche
(Wind, Vogelgeräusche, Zirpen),
nein, keine Geräusche, erträumte
Geräusche; Bewegungen, nein,
keine Bewegungen, sondern erfundene
Bewegungen.
Ein vom Himmel herabbaumelndes
Beinskelett ... Ein Seemann zieht
seiner Braut die Maske der Verwesung
vom Gesicht, dahinter ist sie
schön wie eh und je ... Er reitet mit
der Geliebten auf einem beflügelten
Schimmel durch die Lüfte ... Der
Mond steht am Himmel, wird von
einem der Trauergäste gepflückt
und aufgegessen ... Der Seemann
steht in der Flüssigkeit, in die sich
die Gebeine seiner Geliebten Tropfen
für Tropfen auflösen ... Ein Erinnerungsfoto
wird gemacht; doch
die Seele der Braut lässt sich nicht
bannen, bricht aus und flattert gen
Himmel.
Poetry in Motion, eine
schrecklichschöne Gutenachtgeschichte."





